Unter Vormundschaft von Lisbeth Herger
Antonia Burger, Teammitglied der Fleckenbibliothek Bad Zurzach, hat sich an eine schwierige Kost herangewagt und war restlos begeistert nach der Lektüre von «Unter Vormundschaft – Das gestohlene Leben der Lina Zingg» von Lisbeth Herger. 1958 wird Lina Zingg als 18-Jährige in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Einige Monate später vermittelt man sie – mit der Diagnose Schwachsinn versehen – als Hausangestellte an eine Familie. Dort arbeitet die Rheintaler Bauerntochter während über 50 Jahren ohne freien Tag, ohne Ferien und ohne Lohn im Haushalt, wird sexuell missbraucht und misshandelt. Der Missbrauch durch den Hausherrn hört erst mit der Scheidung auf. Die Hausherrin drängt auf Entmündigung, will verhindern, dass eine so treue Dienstmagd einen Betreuungsfall wird. Die Hausherrin manipuliert nicht nur Lina Zingg, sie kann sich eine befreundete Ärztin gefügig machen, die Vormundschaftsbehörden. Die Zürcher Behörden werden erst 2011 aktiv, nachdem die Töchter der Täterin einschreiten und eine Gefährdung melden. Es ist kein einfaches Buch, es ist ein erschütterndes Buch, denn diese Geschichte ist nicht erfunden, sie hat sich in der Schweiz abgespielt. Über all die Jahre schauten die Behörden nicht richtig hin und wurden von einer Person manipuliert. Auf der Basis umfassender Recherchen zeichnet die Autorin dieses Schicksal nach. Sie beschreibt einen schockierenden Extremfall und zeigt gleichzeitig, welchen Wandel die schweizerische Psychiatrie- und Vormundschaftsgeschichte im letzten Jahrhundert durchlaufen hat. Unvorstellbar, dass so etwas in der heutigen Zeit möglich ist! Es ist fast wie ein Krimi, man braucht starke Nerven, um dieses Buch zu lesen. Vier von fünf Smiles!