Scheherazades Erbe von Hussein Mohammadi
Eigentlich bin ich ja eher der Typ Leser, der sich mit einem Thriller, den man nicht mehr aus der Hand legen kann, auf dem Sofa gemütlich macht. Darum fällt die heutige Buchvorstellung etwas aus dem Rahmen. Eigentlich. Was Hussein Mohammadi auf den 144 Seiten für eine Geschichte erzählt, steht einem guten Krimi in nichts nach – und sie ist umso beklemmender, weil es eine Geschichte ist, die sich wirklich so zugetragen haben könnte.
Es ist die Geschichte des Bauern Ahmad, der nach Kabul fährt, um seine verschwundene Tochter Masomah zu suchen. Nach und nach enthüllt sich der Grund für das Untertauchen des Mädchens: Sie ist mit einem Jungen aus dem Nachbardorf davongelaufen. Ahmad ist damit gefangen zwischen der Liebe zu seiner Tochter und den Traditionen der afghanischen Provinz.
Bei der Suche hilft ihm sein Bruder Eshagh, der jedoch eigene Ziele verfolgt und stark traditionsbewusst ist. In seinen Augen kann die Schande, die Masomah über die Familie gebracht hat, nur eine Konsequenz haben.
Vor dem Hintergrund dieser persönlichen Katastrophe verwebt der Autor die Geschichten von fünf Menschen, deren Schicksale miteinander verknüpft sind und unaufhaltsam auf ein grosses Showdown zusteuern. Es entsteht ein dichtes Geflecht aus Liebe, Tradition, Pflicht, Ehre, Politik und der Rolle der Frau im heutigen Afghanistan. Gleichzeitig zeichnet das Buch ein ungeschöntes, düsteres Bild der Gesellschaft vor der erneuten Machtergreifung der Taliban.
Keine leichte Kost, sondern ein Buch, das besser in kleinen, gut verdaulichen Abschnitten gelesen wird. Doch wenn sich einem die Tragweite dieser leisen, aber kraftvollen Erzählung erschliesst, wirkt sie fast wie ein Thriller. Eigentlich.
Dolly Meyer