Buchempfehlung

Ritchie Girl von Andreas Pflüger

Ich kannte bis jetzt nur Bücher für junge Erwachsene von Andreas Pflüger. Sein Schreibstil passt mir eigentlich ganz gut. Kurze Sätze, sehr gut recherchiert. Mit „Richie Girl“ habe ich zum ersten Mal einen Pflüger-Text gelesen, der sich eindeutig an Erwachsene richtet. 1946 kehrt Paula Bloom nach Deutschland zurück, in das Land, in dem sie aufgewachsen ist und das sie vor neun Jahren in Richtung Amerika verlassen hat. Als Tochter eines amerikanischen Geschäftsmanns und einer deutschen Mutter führte sie in Berlin ein wohlhabendes Leben. Nun kehrt sie nach einer Ausbildung für Geheimdienstoperationen in Camp Ritchie, Maryland, als amerikanische Besatzungsoffizierin nach Deutschland zurück. In Frankfurt soll sie die Identität Johann Kupfers, eines österreichischen Juden klären, der angibt, der berühmt-berüchtigte Spion „Sieben“ zu sein und nun den Amerikanern seine Dienste anbietet. Doch Paula verfolgt bei der Suche nach der Wahrheit auch persönliche Interessen. Sie glaubt, Johann Kupfer könnte Informationen über ihre große Liebe Georg haben. Der Autor Andreas Pflüger macht es seinen Lesern nicht leicht. Selbst für historisch einigermaßen bewanderte und interessierte Leser ist die Vielzahl an Namen und Informationen anstrengend und erfordert Konzentration. Die Hauptfigur Paula Bloom ist schwer zu fassen. Trotz ihrer Zweifel und ihrer Schuldgefühle bleibt sie eher fremd, kühl und distanziert. Es fällt schwer, ihre Gefühle nachzuempfinden, da diese oft nur angedeutet werden. Auch ihre Verhaltensweisen werden dem Leser nur allmählich verständlich, da Paulas Vergangenheit wie einzelne Mosaiksteinchen erst nach und nach offenbart wird. Die Lektüre hinterlässt ein bedrückendes Gefühl. Die Ermittlungen rund um die Nürnberger Prozesse und die damit verbundenen Mauscheleien zwischen den Siegermächten führen ernüchternd vor Augen, auf welche tönernen Füssen die BRD gebaut wurde. Ich werde das Buch mit Abstand noch einmal lesen, denn diese Thematik lässt mich nicht so schnell wieder los. Keine leichte Lektüre, aber eine in jedem Fall lesenswerte! Catherine Schindler Kündig

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