Café leben von Jo Leevers
»Café Leben« ist ein außergewöhnlicher Roman über zwei Frauen aus zwei Generationen, die einander ihre Lebensgeschichte erzählen. Die 32-jährige Henrietta Lockwood führt in London ein äusserst zurückgezogenes Leben. Schon früh hat sie eine Mauer zwischen sich und der Welt errichtet. Das verhilft ihr schließlich zu einem besonderen Job im Hospiz. Henrietta soll todkranken Menschen dabei helfen, die Geschichte ihres Lebens für die Nachwelt aufzuschreiben. Henrietta merkt bald, dass die todkranke Annie bei ihrer Lebensgeschichte schlimmen Erinnerungen ausweicht. Während Henrietta möchte, dass Annie mit sich im Reinen sein muss und immer wieder auf Ereignisse bei Annies Geschichte zurückkommt, wird schnell klar, dass auch in Henriettas Leben ein Ereignis stattgefunden hat, das sie selbst aus der Bahn geworfen hat. Der Leser wird, ohne rührselig zu werden, immer wieder in die Welt der 60iger Jahre zurückgeworfen. Familienstrukturen, die Rolle der Frau und Generationenprobleme werden aufgezeigt. Die Kapitel wechseln zwischen den beiden Protagonistinnen. Obwohl es zunächst danach aussieht, als ob Henrietta und Annie nicht harmonieren, lernen sie bestimmte Eigenschaften des jeweils anderen zu schätzen. Sie begegnen sich mit Respekt, der dafür sorgt, dass sie immer vertrauter werden und sich füreinander öffnen. Sowohl Annie als auch Henrietta sind für mich Figuren, deren Leben und Ansichten ich gut nachvollziehen konnte. Mir hat die unaufgeregte Art von Henrietta, wie sie sich immer tiefer in Annies Erinnerungen einmischte, sehr gut gefallen. Bei Annies Handlungen musste ich ab und zu den Kopf schütteln, aber zu anderen Zeiten waren andere Gedankengänge wahrscheinlich besser erklärbar. Mir gefällt die Idee, dass die Lebensgeschichte eines jeden verfasst werden sollte, sehr gut. Das Erzählen hat mit Sicherheit etwas Befreiendes und das Lesen führt für die Hinterbliebenen zu weniger Vergessen. Ich habe die Lektüre trotz des schwer anmutenden Themas genossen. Catherine Schindler Kündig